Willkommen in Unterschlauersbach

- erstmals urkundlich erwähnt 1124 n. Chr. - 

Eine Unterschlauersbacher Geschichte - von Johann Gebhardt

Ein gebürtiger Unterschlauersbacher erzählt von Früher und von den Erzählungen seiner Vorfahren. Vielen Dank an Johann Gebhardt, für die Zurverfügungstellung des Artikels. Der Artikel ist erschienen im Buch "Verwurzelt in Franken" (ISBN 978-3-934145-69-6)

Unterschlauersbach - mein Geburtsort.

Johann Gebhardt

 

Meine frühe Kindheit

 Was mir aus meiner frühesten Kindheit noch gut in Erinnerung ist, das ist die große Linde, die in unserem Hof unten neben den hölzernen Ziehbrunnen stand. Im Sommer hat er mit seiner weit ausladenden Krone Schatten gespendet und die Kühe wurden vom Stall zum Tränken herausgeführt. Die Lindenblüten wurden von den Dorfbewohnern ab gezupft und als Tee getrocknet. Im Winter habe ich die vielen Vögel bemitleidet, wenn sie oft bei strengen Frost oder Rauhreif auf den Zweigen saßen.

Ich musste schon sehr bald ab dem vierten Lebensjahr eine große Schar Gänse hüten. Natürlich liefen wir Kinder barfuß, so lange es ging. Ich hatte ein grünes Hütchen auf und eine lange Weidenrute zum Treiben. Die Gänse ärgerten mich manchmal, wenn sie in den Bach oder in einen Weiher liefen oder flogen und einfach nicht mehr heraus wollten. Dieser Schlauersbach (slurspach, der schleichende Bach) entsprang einige Kilometer oberhalb von Seubersdorf "in der Hardt". Wir mussten auch dorthin zur Schule gehen, bei jedem Wetter natürlich, immer am Bach entlang.

Da mein Vater lange Zeit im Krieg war, habe ich vieles von meinem Großvater erzählt bekommen. Er berichtete von seinen Eltern, seinen Geschwistern und aus seiner alten Zeit, die sehr armselig war.

 

Mein Urgroßvater, der Sperbers-Michel

 Wie er von seinem Heimatdorf fort zog

Urgroßvater Michael Sperber stammt ursprünglich aus Weihenzell im Landkreis Ansbach. Er ist um 1846 herum geboren. Mein Großvater, der Johann Sperber, ist am 25.5.1871 in Wustendorf geboren, das liegt auch dort in der Nähe. Michael Sperber (Der "Sperbers-Michel") und seine Frau, eine geborene Kurz aus Bruckberg, waren Dienstboten und wollten auch zu etwas kommen. Da haben sie von einem kleinen Anwesen in Unterschlauersbach gehört, das billig zu haben war. Da soll ein Bäckermeister in seinem Haus umgebracht worden sein, und der Mörder hat die Leiche in den Meths-Stadel über die Straße hinübergeschleppt, so erzählte mein Opa. Vielleicht war das Anwesen deswegen so billig zu haben.. Und ein Acker war auch noch dabei ("Die Röthe").

So zogen sie 1872 mit einer Kuh, die sie hatten, mit ihrer wenigen Habe und ihrem ein Jahr alten Kind auf einem kleinen Bauernwagen nach Unterschlauersbach in das alte Bäckershaus, das später von der Familie Daut bewohnt wurde.

 

Wie der Sperbers-Michel seine Frau einspannte

Der Michel war ein eifriger Mann, der da und dort ein bißchen herumkratzte und alles, was andere nicht mehr brauchen konnten, mit heim nahm ("Was größer ist als a Laus, des trecht mer ham ins Haus"). Beim Mistfahren lud er die Mistbatzen, die andere Bauern verloren hatten, auf seinen kleinen Wagen auf. Einmal schimpfte er fürchterlich, als seine Frau die Nudelflecke vergaß, die sie auf dem Gartenzaun trocknete und die dann brüchig wurden: Husertrecher-Strumpfbendel, Husertrecher, Strumpfbendel", brummte er vor sich hin.

Er hatte vor seinen Wagen die einzige Kuh gespannt, die sie hatten, und rings um das Dorf gings den Berg hinauf. Beim Ackern reichte aber die Kraft der Kuh nicht aus, und so hat der Sperbers-Michel seine Frau neben die Kuh vor den Pflug gespannt.

Das sah einmal ein jüdischer Schmuser, ein Grundstückshändler und Geldverleiher. Ihm tat die Frau so leid und er sagte: "Michel, des machst' mer nimmer. Ich geb dir das Geld zu einer zweiten Kuh, ich drück di nit!" So kam der Sperbers Michel zu einer zweiten Kuh. Nach jüdischem Gesetz ist es verboten, eine Frau vor den Pflug zu spannen.

 

Wie der Michel starb.

Mein Großvater war das erste Kind. Der Sperbers Michel hat alle möglichen Posten angenommen, um noch etwas dazu zu verdienen. Die Geschwister meines Großvaters waren:

Johann Sperber, die "Stinzendorfer" Großtante, Georg Sperber, Straßenbahnfahrer in Nürnberg/Maxfeld und Martin Sperber, Werkmeister in Fürth. Zwei Schwestern waren noch da, eine in Bürglein, die andere in Herpersdorf. Die soll sehr kräuterkundig gewesen sein.

Der Sperbers-Michel war Mesner und hat die Unterschlauersbacher Kirche betreut. Wenn jemand starb, war er Totengräber und musste das Grab aus schaufeln. Als der alte Siebenhorn starb, ist er mit dem Grab nicht mehr ganz fertig geworden, weil ein Teil wieder eingefallen war. Er muss sich darüber so aufgeregt haben, dass er -wahrscheinlich durch einen Herzinfarkt- im Grab starb. Als der Leichenzug auf dem Weg zum Friedhof war, ist der Sperbers-Michel im Grab an der Seite geleht tot gefunden worden.

Meine Schwester Frieda hat mir erzählt, eine Zigeunerin hat dem Mann, der da zu Grabe getragen wurde, vorhergesagt, dass sein Leichenzug unterwegs einmal halten wird. So ist es auch wirklich gekommen. Unser Urgroßvater wurde, während der Trauerzug stoppte, mit einem Schubkarren nach hause gefahren und dort aufgebahrt.

Seine Frau Maria, die aus Bruckberg stammte, soll sehr sparsam gewesen sein, kein Wunder bei den heranwachsenden immer hungrigen Kindern.

 

Mein Großvater, der Sperbers-Hans

 Mein Großvater war Knecht bei einem Bauern in Oberreichenbach. Dort musste er, weil er noch ziemlich jung war, die Kühe hüten und auch ab und zu schwemmem, das heißt, in einem Weiher baden. Er trieb sie also in einen der Oberreichenbacher Karpfenweiher hinein und die Kühe freuten sich im warmen Wasser. Aber sie wollten nicht mehr heraus aus dem Bad. Mein Kühhüter-Opa ging ins Wasser und wollte sie heraus treiben. Aber er vergaß, dass er gar nicht schwimmen konnte und versank im Wasser, das viel tiefer war, als er dachte. In seiner Not griff er um sich und erwischte den Schwanz einer Kuh. Die zog ihn dann heraus und er war gerettet.

Mein Großvater hat mir einmal einen Alptraum erzählt. Sie haben in dem oben beschriebenen Bäckerhaus gewohnt. Eines nachts hatte er einen schweren Traum, er merkte, wie sich sein Bett eindrückte und meinte, ein eisgraues Männchen sitzt an seinem Bett. Er hat Wasser und Blut geschwitzt und ein Vaterunser nach dem anderen gebetet, bis der Spuk vorüber war.

Später war er wie sein Vater Mesner und Gemeindediener. Er hat da immer die wichtigen Dorfnachrichten aus schellen müssen. Ich höre immer noch seine markante Stimme: "Bekannt-Machung".

Meine Großmutter habe ich nicht gekannt. Sie war eine fleißige, fromme und gescheite Frau, stammte aus Dürnfarnbach und hat Heimatgedichte gemacht.
Meine Sperbers-Großeltern haben längere Zeit keine Kinder bekommen. Dann aber kam eines nach dem anderen.

Zuerst kam das "Kätherla" 1900 auf die Welt. Sie soll sehr gescheit, ordentlich und sauber gewesen sein und hat sich nie schmutzig gemacht. Aber sie war sehr zart und vielleicht nicht ganz gesund. Einmal hat sie ihrer Großmutter beim Nähen zugeschaut und verlangte von ihr eine Nadel und Faden. "Großmutter, ich näh' mir etz mei Totenhemed", sagte sie. Die Großmutter wehrte ganz erschrocken ab und weinte. Ein anderes Mal sagte sie: "Großmunner, etz muss ich bald sterben". "Großmutter" konnte sie noch nicht richtig sagen. Sie war erst 2 1/2 Jahre alt, als sie bald darauf starb, und das war ein großes Leid für die junge Familie.

Das 2. Kind war meine Mutter Maria Sperber. Sie wurde am 15. Mai 1901 geboren und musste als Kind schon viel arbeiten. Ihre Hausaufgaben machte sie auf dem Acker, wo sie gerade arbeiteten. Einmal wusste sie nicht mehr genau, was sie aus dem Gesangbuch lernen sollte. "Kannst du dich an gar nichts mehr erinnern?", fragte ihre Mutter. "Wenn die Kuh ledig ist, dann frisst´s". Ihre Mutter wusste Bescheid und lernte ihr das Lied mit dem Vers: ...hilft er nicht zu jeder Frist, hilft er doch, wenn´s nötig ist... Sie kannten so viel auswendig aus der Bibel und dem Gesangbuch.

Meine Mutter war nach der Schule als Dienstmagd bei verschiedenen Bauern und wurde mit 20 Jahren mit Herzerweiterung sehr krank. Darauf ging sie nach Neuendettelsau als Küchenhilfe der dortigen Diakonieanstalten.

Als ihr Bruder Martin beim Dreschen tödlich verunglückte (er fiel vom oberen Scheunenboden auf die Strohpresse der Dreschmaschine), musste sie das kleine bäuerliche Anwesen übernehmen und heiratete aus Burgstall Peter Gebhardt.

Die "Bäbi" war das dritte Kind. Sie lebte längere Zeit im Haus Nr. 6, das sie inzwischen im Jahr 1906 erworben hatten, und heiratete spät einen gewissen Meier von Obersteinbach im Steigerwald.

Das 4. Kind war Elisabeth, * 29.4.1903. Sie heiratete Hans Reiß aus Neidhardswinden.

Dann kamen Martin, * 20.05.1905 + 17.08.1931. Er verunglückte bei einem Unfall beim Dreschen, wobei er von einem Brettenloch auf die eiserne Strohpresse fiel und querschnittsgelähmt nach einigen Tagen starb. Ein schwerer Verlust für die Familie.

Babette (Sabina Barbara), die Tante Babett, * 12.5.1906 war in Großhabersdorf mit dem Fotografen Fritz Boas verheiratet. Sie wurde 95 Jahre alt und wurde am 7.8.2001 beerdigt.

Georg Sperber, * 27.11.1907 in Unterschlauersbach heiratete nach Cadolzburg. Er war lange im Krieg und in russischer Gefangenschaft und konnte sehr spannend erzählen.

Die Tante Dori, Dorothea , * 5.8.1908 war die jüngste. Sie heiratete Georg Rosa in Unterschlauersbach. Sie hatten als erste im Dorf ein Radio.

 

Mein Vater Peter Gebhardt war wie meine Unterschlauersbacher Vorfahren Mesner in der dortigen Andreaskirche.

Mit ihm oder mit meinem Großvater war ich oft auf dem Turm zum Uhr-Aufziehen, zum Uhren-Ölen oder Glocken-Schmieren. Ein uraltes Uhrwerk war so schön zum Spielen oder auch ein paar abgestellte Schnitzfiguren auf dem Dachboden.

Als mein Vater 1977 mit 79 Jahren starb, blieb zur gleichen Zeit die Kirchturmuhr stehen. Lange Zeit konnte sie nicht repariert werden. Als mich die Unterschlauersbacher bei einem Besuch holten, um nach der Uhr zu sehen, konnte ich sie wieder zum Laufen bringen. Eine Eisenstange zum Antrieb des dritten Zifferblatts war aus dem Zahnrad gesprungen und war stark verbogen. Es war unglaublich, wie das geschehen konnte. Die Antriebsstange sprang aber nach einigem Biegen wieder in die ursprüngliche Lage zurück. Seit dem läuft die Uhr. Derartige Geschichten sind nicht selten und von anderen Veröffentlichungen bekannt.

Dazu muss ich noch sagen: Im Rothenburger Sonntagsblatt haben wir bald darauf gelesen, dass bei Simbach am Inn genau das gleiche geschehen ist. Als der Mesner starb, ist die Kirchturmuhr stehen geblieben und es hat sehr lange gedauert, bis ein Uhrmacher aus der Stadt das Werk wieder zun Gehen gebracht hat.

 

Die Unterschlauersbacher Mühle

Die älteste Erwähnung des Dorfes einschließlich der Mühle stammt aus dem Jahr 1124.

Es gab viele Wasserquellen im Ort von allen Seiten, denn das lang gezogene Dorf liegt entlang eines tief eingeschnittenen Tales. Jeder hatte seinen eigenen Hausbrunnen. Am Ortsbeginn liegt der Dorfweiher, wo wir uns an heißen Sommertagen immer gebadet haben. Wir haben viel am Wasser gespielt, haben Dämme gebaut und Wasserfälle mit kleinen Wasserrädern. Am Ende des Dorfes war die alte Unterschlauersbacher Mühle. Mein Vater hat mich öfter dorthin mitgenommen auf dem Getreidewagen. Die Säcke wurden an einer Rampe abgeladen und - wenn man zum Mahlen an der Reihe war - mit einem Aufzug nach oben befördert. Die Mühle wurde ursprünglich mit einem hölzernen, wahrscheinlich oberschlächtigem, Wasserrad angetrieben.

Bei den Besuchen kam ich auch manchmal in das Wohnzimmer, wo es recht finster war. Nicht nur wegen der kleinen Fenster, auch die Holzdecke war dunkelbraun gestrichen. Ich kann mich noch erinnern, dass da eine alte Großmutter vorhanden war und eine Wiege stand mitten im Zimmer -ohne Kind. Neben dran war die rußige Küche, wie in den meisten alten Häusern mit einem offenen Kamin, wo die Würste und Schinken nach dem Schlachten geräuchert wurden; sie wurden auch "Schlotengeli" genannt. Vor den alten Leuten haben wir Kinder uns immer gefürchtet, weil sie meist schwarz gekleidet waren, denn man trauerte nicht nur für Verwandte, sondern auch für Nachbarn und Bekannte, mindestens ein Jahr lang. 

In der Mühle selber hat es in verschiedenen Stockwerken immer gerumpelt und geklappert. Die Mahlsteine aus hartem Sandstein habe ich nicht erlebt, denn bald hat man die Körner nach dem Putzen des Getreides zwischen eisernen Rollen zerquetscht. Dann wurde das Mehl je nach Qualität heraus gesiebt und in Säcke gefüllt. Eine Glocke hat geschellt, wenn ein Mahlgang zu Ende war.

Das alte Wasserrad wurde bald durch eine Turbine ersetzt, die einen besseren Wirkungsgrad hat. Aus fünf Meter Wasserhöhe hat sie bei 60 Sekunden-Litern 4 PS oder 3 Kilowatt erzeugt. Das hat mir später der Müller erzählt, denn das hat mich sehr interessiert. Es war eine Francis-Spiralturbine. Ich glaube, damit hat man auch Strom erzeugt, bis die Elektrifizierung durch das Überlandwerk kam. Am Ende hat die Leistung auch nicht mehr ausgereicht und man hat zusätzlich Elektromotoren eingesetzt. Schließlich hat sich der Mühlenbetrieb nicht mehr gelohnt und man hat die Mühle Stein für Stein abgebaut. Heute steht sie im Freilandmuseum von Bad Windsheim. Die Wendelsteiner Mühlsteine, die verwendet wurden und dort ausgestellt sind, habe ich dort erst kennen gelernt. Jetzt bin ich ein Wendelsteiner.

 

Die Medrische Stiftung

 Meine Mutter hat mir erzählt, dass das Mühlengrundstück samt allen Feldern und Wäldern mit einer Stiftung belegt war. Die Vorbesitzer Meder waren kinderlos geblieben, und so haben sie die Mühle als eine immer währende Stiftung weiter gegeben. Die neuen Besitzer mussten jährlich eine bestimmte Menge Mehl und Naturalien, später Geld, an die Armen abgegeben. Im Stiftungstext soll es geheißen haben: "Wer diese Stiftung ändert oder abschafft, den treffe Gottes Zorn auf ewig". Im dritten Reich wurde aber dieses Vermächtnis als unzumutbar aufgelöst, weil es da doch keine Armen mehr geben sollte. Auf dem Unterschlauersbacher Friedhof ist heute noch die Gruft der Meder mit einem liegenden Grabstein zu sehen. Darauf ist ein Mühlrad eingemeißelt. Die Nachbesitzer haben Niedermann geheißen.

Es hat sich viel geändert in meinem Heimatdorf. Ich war sehr traurig, als der Wasserlauf eines Tages wieder in die tiefer liegende alte Wasserrinne in der Wiese zurück verlegt wurde. Jahre später war auch die Mühle verschwunden.

25.07.2008 Johann Gebhardt